Heilige Anna Schäffer

1. Der äußere Weg 

 „Ein neuer Stern ist am Himmel der Kirche aufgegangen.“ Mit diesem markanten Satz begann der damalige Kardinal Joseph Ratzinger seine Predigt, die er am Vorabend der Seligsprechung Anna Schäffers in Rom hielt. Es war der 6. März 1999. Inzwischen ist Anna Schäffer heilig gesprochen worden, und zwar am 21. Oktober 2012 von Papst Benedikt XVI. Ihr Stern leuchtet nun für die gesamte katholische Weltkirche. Bevor sie den Zenit im Himmel der Kirche erreichte, musste sie einen langen Weg zurücklegen. Er begann in ihrem Heimatdorf Mindelstetten, das etwa 20 Kilometer nordöstlich von Ingolstadt liegt. Dort kam sie am 18. Februar 1882 zur Welt. Sie wuchs in einer einfachen Handwerkerfamilie als drittes von sechs Kindern auf. Aus der Volksschule brachte sie beste Zeugnisse mit nach Hause. Eine weitere Ausbildung blieb ihr allerdings versagt. Im Januar 1896 verstarb ihr Vater. Damals arbeitete Anna bereits ein halbes Jahr in einem Haushalt in Regensburg. Es folgten Anstellungen in Sandersdorf, Landshut und schließlich im Forsthaus in Stammham.

Dort passierte ihr jener Unfall, der ihren ganzen Lebensplan zum Einsturz brachte. Man schrieb den 4. Februar 1901. Es war Waschtag. Zusammen mit einem anderen Dienstmädchen besorgte Anna die Wäsche, die in einem Kessel gekocht wurde. Das Ofenrohr hatte sich etwas gelockert. Anna stieg auf den Kesselrand, um den Schaden zu reparieren. Sie rutschte aus und fiel in den Kessel mit kochender Lauge. Dabei verbrühte sie sich beide Beine bis zu den Knien. Man brachte sie ins Kreiskrankenhaus nach Kösching. Alle Heilungsversuche scheiterten. Schließlich gab man sie auf und wartete nur noch auf ihren Tod. Doch sie war noch nicht zum Sterben bestimmt. Ihr Zustand stabilisierte sich wieder, so dass sie nicht mehr in Lebensgefahr schwebte. Nach drei Monaten entließ man sie, weil man nichts mehr für sie tun konnte. Mit dem Unfall begann für Anna ein schwerer Leidensweg. Die Brandwundenschmerzen des Anfangs verließen sie nicht mehr. Die Füße heilten nicht mehr zu. Es blieben offene Löcher zurück, die ständig eiterten. Obwohl sich ihr Hausarzt regelmäßig um sie kümmerte, brachte er es nicht fertig, an ihrem elenden Gesamtzustand etwas zu ändern. Auch die beiden Aufenthalte in der Uniklinik Erlangen (jeweils mehrere Monate lang) blieben erfolglos. Die dort angewandten Therapien waren so schmerzhaft, dass Anna nur mit Schrecken daran zurückdenken konnte. Die durch das lange Liegen steif gewordenen Fußgelenke versuchte man mehrfach, durch gewaltsames Biegen und Brechen wieder beweglich zu machen. Auch das ohne Erfolg.

2. DER INNERE WEG

Kindheit

Anna wird von ihrer Schwester Kathi als ein normales Kind beschrieben. Ihre Mutter jedoch bemerkte, Anna sei schon als Kind anders als die Gleichaltrigen gewesen. Sie hatte die Gewohnheit, sich von Zeit zu Zeit in einen stillen Winkel zurückzuziehen, um zu beten. Gott begann offenbar schon früh, seine Hand auf dieses Mädchen zu legen, um es langsam an sich zu ziehen.

An ihrem Erstkommuniontag, es war der 12. April 1893, hatte Anna ein tiefes religiöses Erlebnis, das sie allerdings nicht näher schildert. Jahre später bemerkt sie nur, dass dieser Tag der schönste in ihrem Leben gewesen sei. Wohl unter dem Eindruck dieses Erlebnisses schrieb sie noch am selben Tag an Jesus einen Brief, in dem sie ihm einige folgenschwere Versprechungen machte: „… mache mit mir, was du willst… Ich will dir Sühne leisten, und wenn du willst, mein Jesus, lass mich ein Sühneopfer werden für alle Unehre und Beleidigungen, welche gegen dich begangen werden…“ Dieses Angebot an den Herrn verrät, dass Anna schon als 11-jähriges Kind einen Charakter besitzt, der sie befähigt, aufs Ganze zu gehen. Sie mochte bei ihrer Hingabe vielleicht an den Eintritt in einen Orden und an die Arbeit als Missionsschwester gedacht haben, jedenfalls nicht an das, was später über sie kam. Denn sie hoffte nach ihrem Umfall mindestens zwei Jahre lang, wieder gesund zu werden.

Jugend

Als 16-Jährige weihte sich Anna Schäffer der Gottesmutter. In der Angelobungsformel heißt es: „Ich… erwähle dich heute zu meiner Schutzfrau und Fürsprecherin und nehme mir kräftig vor, dich nie zu verlassen…“ Anna hatte zeitlebens ein sehr vertrautes Verhältnis zur Gottesmutter, die ihr half, ihren Leidensweg durchzuhalten. Maria ist ihr später oft im Traum erschienen.

Im Juni des Jahres 1898 hatte Anna Schäffer ein visionäres Erlebnis, das sie tief erschütterte. Sie hat es selber niedergeschrieben. Es erschien ihr Jesus in der Gestalt des guten Hirten und kündigte ihr ein langes und schweres Leiden an. „Er hatte einen Rosenkranz in der Hand; sprach auch zu mir vom Rosenkranzbeten und dass ich nicht 20 Jahre alt würde, dann müsste ich vieles, vieles leiden…“ Anna verließ Landshut am nächsten Tag panikartig und war nicht zu bewegen, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Ihre Reaktion war menschlich verständlich. Sie hat auch später das Leiden nie gesucht, nur ergeben angenommen. 

Reifezeit 

Anna deutet in einem Brief an, dass sie etwa zwei Jahre darum gerungen hat, zu ihrem schweren Schicksal ja zu sagen und darin den Willen Gottes zu erkennen, wie sie es in ihrem Kommunionvorsatz versprochen hatte. Etwa neuneinhalb Jahre nach ihrem Unfall (am 4. Oktober 1910) bestätigte ihr Jesus in einer Vision: „Dich habe ich angenommen zur Sühne meines heiligen Sakramentes. Und bei der heiligen Kommunion sollst du fortan jene Schmerzen meiner heiligen Passion spüren, womit ich dich armseliges Nichts erlöst habe. Leide, opfere und sühne in stiller Verborgenheit.“ Am Morgen dieses Tages, während sie die heilige Kommunion aus der Hand ihres Pfarrers empfing, trafen sie fünf Feuerstrahlen wie Blitze in die Hände, in die Füße und in das Herz. Sie schreibt: „Es fing sogleich ein unendlicher Schmerz in diesen Körperteilen an… Dieses Leiden durfte ich seit Oktober 1910 mitleiden ohne Unterbrechung. An manchen Tagen ist es oft sehr vermehrt, besonders an Donnerstagen und Freitagen und an Sonn- und Feiertagen.“

Damit hat der Her das Leiden seiner Dienerin geadelt und es mit dem seinen verbunden. Sie selber versuchte, wenn sie schon leiden musste, es so zu tun wie er: nicht in der Auflehnung oder im Hadern, sondern in der Hingabe, in der Opferbereitschaft, in der Liebe. So wie der Herr am Kreuz bis in die extremste Not hinein die Liebe aufrecht erhalten hat (Vater, verzeih ihnen, denn siewissen nicht, was sie tun), so wollte auch sie durchhalten. Sie schrieb am Ende: „Im Leiden habe ich dich lieben gelernt.“ Das ist der schwerste aber auch der höchste Weg der Nachfolge.

In dieser Haltung wurde ihr Gebet immer tiefer und wesentlicher manchmal bis in mystische Erfahrung hinein. Der Rosenkranz war für sie ein Schauen des Lebens Jesu. Und wenn sie vor Schmerzen zu keinen längeren Gebeten fähig war, schickte sie kurze Sätze wie Stoßseufzer zum Himmel. Der Herr schenkte ihr die Gnade des immerwährenden Gebetes, so dass sie auch seine Gegenwart nicht missen musste, wenn sie Besucher empfing und sich mit ihnen unterhielt.

Die meiste Kraft schöpfte sie aus dem fast täglichen Kommunionempfang. Sie schreibt: „Wie glücklich ich jedesmal nach der heiligen Kommunion bin, kann ich mit keiner Feder niederschreiben… In jenen heiligen Stunden bin ich oft so selig, dass ich mit keiner Weltfürstin, ja nicht um die ganze Welt mein Leidensbett tauschen möchte…“ In diesen Momenten stärkte sie der Herr. Er belastete sie nicht nur mit schweren Kreuzen, sondern er gab ihr auch himmlischen Trost.

Sie wuchs immer mehr in die Haltung der Liebe hinein, die sie vom Herrn übernahm. Das befähigte sie, sich der Not und der Anliegen ihrer Mitmenschen zu widmen. Sie schrieb aufmunternde Briefe, empfing Besucher, nahm ihre Anliegen an und versprach, zu beten. Sie, die so hilflos war, dass sie nicht aus eigner Kraft einen Fuß vor das Bett setzen konnte, wurde immer mehr zu einer Helferin für viele. Am Ende bestand sie fast nur noch aus Hingabe und Liebe. Das Leiden wurde ihr mehr und mehr zu einem Mittel, zu einem Kapital, das sie einsetzte, um ihr Gebet für andere zu verstärken. Darin wurde sie Jesus immer ähnlicher. So ging sie ihrer Vollendung entgegen. Am 5. Oktober 1925 holte sie der Herr heim in sein Reich. Im Augenblick des Todes betet sie noch einmal mit letzter Kraft: „Jesus, dir leb ich!“ Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen…